Reis

— Schreibt Branko Veljković —

Es gehört sich, dass wir dem Volk deine Schlaflosigkeit und all deinen Schmerz erklären.

Du hast dich selbst vorgeschlagen, also wurdest du auch gerufen, ist ja nicht so, als wärst du es nicht. Ist ja auch nicht so, als hätten sie es nicht getan.

Du hast ein Drama inszeniert, die Chronik in Brand gesetzt und bist in Paris gelandet.

Und dann hat dich der Pariser, gebürtig aus Amiens1, wieder zurückgeschickt. Wenn wir die Fotoarbeiten vom letzten Jahr ausklammern, hast du Emmanuel2 aus Amiens diesmal genauso oft gesehen wie damals jenen „Tiefen Staat3“ jenseits des Meeres, mit dem du so gern fraternisieren4 würdest.

Ich weiß, jetzt lachen alle, aber was soll ich machen. Es war stärker als ich.

Amiens hat, um der Geschichten willen, die ich tatsächlich liebe, seinen Platz in der Geografie des „muss es geben“ verdient, weil man ihnen schon zu Zeiten des römischen Samarobriva5 und der ausgerotteten Gallier die Lektion erteilt hat, dass man den Mantel mit dem nackten Bettler teilt. Deshalb haben sie eine Kathedrale bekommen und eine Schule mit sehr hingebungsvollen Lehrern.

Auch das hat sein „Darum“, aber das ist nichts für dich, Selbsternannter6.

Aber Emmanuel, derjenige, der dich zurückgeschickt hat, ist ernsthaft wütend. Genau deshalb hat er dich fallen lassen wie eine Bahnhofshure. Er ist zwar ein Liebhaber der Hühner, aber man sollte den Zorn eines Jesuitenschülers7 nicht unterschätzen. Jesuitische Lehrer wissen sehr gut, wie man Kinder auswählt, die das Spiel mit ihrem eigenen Zorn beherrschen. Das wird dann sorgfältig gepflegt. Ich betone dir, sorgfältig, nicht gottesfürchtig!

Deine Pfuschereien, Selbsternannter, machen Emmanuel jetzt zornig. Sehr zornig. Und wenn er zornig ist, pflegt er Gespräche mit vielen Ausrufezeichen und wenigen Fragezeichen. Siehst du, im Unterschied zu dir beherrscht er wenigstens das.

Jetzt werde ich dir erklären, warum das so ist.

Als er zum zweiten Mal aufstieg, wurde Emmanuel eine einzige Karte aus dem Stapel von jenen 32 Karten zugestanden, und diese Karte war – die wiederbelebte Wirtschaft! Du bist nie bis zu diesem Stapel vorgedrungen, aber du solltest wissen, dass sein „Loi Macron8“ gerade deshalb durchgegangen ist. Kritisiert, aber durchgegangen.

Ich würde dich nun fragen, „weil du ja so klug bist“, worauf seine Wiederbelebung der Wirtschaft beruht?

Und da sind wir jetzt in Marseille, in der Gegenwart. Etwas ist angekommen, doch warum ist es nicht weitergekommen?

Etwas oder jemand hat sich in den Weg gestellt.

Hm …

Also, das, was die Franzosen hätte erfreuen sollen und was hier, bei uns in diesem gottverlassenen Kaff, verzollt wird, ist nicht dorthin gelangt, wo es landen sollte. Hier und da ist etwas dorthin umverteilt worden, wo es auf dem Globus eben hin konnte, aber das ist nur Kleinkram. Frankreich ist groß, ihm wurde daher die Diversifizierung zugestanden, nennen wir das „Verteilung unter Kollegen“, aber diese, sagen wir, 24 % sind wirklich zu viel, um sie einfach zu ignorieren. Wirklich zu viel. Zu viel, als dass jemand „weil ich so klug bin9“ eine Lösung versprechen könnte, ohne überhaupt getauft zu sein.

Nicht des Reimes wegen, sondern weil es so ist10.

Von diesen verzollten 24 % ist daher kein einziges Reiskorn in die Apotheken gelangt, obwohl die Naiven sogar vorgeschlagen hatten, ein paar provisorische Apotheken zu eröffnen, wenigstens solange das Veto gegen die Quartale11 andauert, aber so läuft das nicht.

Ich zitiere einen sanftmütigen Weltreisenden, inzwischen ein bedeutender urbaner Philosoph: „Unser Reis ist der beste, unseren Kunden fehlt er, aber wenn etwas nicht geht, dann geht es eben nicht.

Das war eine Mischung aus ernstem Imperativ und innerem Bedürfnis, der existentiellen Sehnsucht der Franzosen der neuen Zeit nach Lachen und Ausgelassenheit zu entsprechen. Ich meine, gäbe es das nicht, wer würde Frankreich überhaupt noch ernst nehmen außer den von sich selbst erheiterten Franzosen.

Wir haben reichlich gelacht.

Der sanfte Urbane sagte auch, dass wir versprechen können, all diese Probleme zu lösen, sobald der Wahlkampf beginnt, und während man dies in aller Welt liest, habe ich so das Gefühl, dass wir es auch tun werden. Er erwähnte, dass wir sogar NIS12 dem Volk zurückgeben können, und das werden wir tun, sobald wir eure „Kohle“ nach Serbien zurückholen. Mit sanften Worten und in anständiger Manier.

Nun aber, da der Investitionszyklus von Emmanuel aus Amiens ernsthaft und inzwischen irreversibel gefährdet ist und da in Gallien seit jener französischen Revolution alles irgendwie seltsam miteinander verknüpft ist, seit damals alles Unnötige aufgelöst und dann wieder verschnürt wurde, ist Frankreich in dieser Art von Stagnation eine große tickende Zeitbombe im Herzen Europas.

Ein Verlust von 24 % der „Ökonomie“ quer durch die Wirtschaft innerhalb von drei Monaten wird alles zum Einsturz bringen.

Deshalb, so kommt es mir vor, hast du diese 50 Tage, die du den Russen für NIS angesetzt hast, gar nicht, und auch darüber haben wir irgendwie von Herzen gelacht. Du willst sie erpressen, und die Russen lieben es ja besonders, wenn man sie öffentlich erpresst, also lassen sie dich jetzt nicht einmal mehr zahlen, selbst wenn du überhaupt wüsstest, wovon. Es wird wohl so sein, dass einige sanfte Leute auch das vereinbart haben.

Man muss verstehen, wenn Emmanuel jetzt nervös ist, dann ist er es aus gutem Grund und zur rechten Zeit. Denn das Ergebnis, das du versprochen hast, ist bereits verfehlt, und das unlösbare Problem ist bereits entstanden. Er weiß sehr wohl, dass „der Ort des Verderbens nicht gedeckt werden kann“, und er hat keine Lust, wegen der Dummheiten anderer zugrunde zu gehen. Er weiß, wer „den Norden über der Leere ausgebreitet hat“. Und diese Leere grinst jetzt auch ihn an…

Virus, Selbsternannter, du bist jetzt nur noch ein kleines, verängstigtes, überhebliches Virus.

Deshalb hat Emmanuel dich ohne Gruß und Umarmung fortgeschickt.

Emmanuel hatte nicht geplant, an Reis zu ersticken. Er hielt diese Sache für erledigt. Frankreich hielt sie für erledigt.

Jetzt gibt es viele traurige Emmanuels. In ihrem Leben gibt es keine Freude mehr. Und alle wissen, dass du daran schuld bist.

Es gefällt ihnen auch nicht, dass jetzt alles in Marseille ist, in jenem Gebiet zwischen der irdischen und der wässrigen Welt, in einem Land mit zwei Rechtskodizes, zum Greifen nah und doch niemals ferner.

Einer von ihnen, ein Pierre hinter Emmanuel, sagte neulich, während wir durch Iberien gingen und all die neuen und alten Wege rund um Caracas, „Dios y Federación“, betrachteten, treffend: „Wir werden ihm die Adresse hinterlassen…“.

Deshalb hat Emmanuel dich gerufen, und er wusste bereits, dass er dich ohne einen Blick wieder abberufen würde. Oder, wenn du es genau wissen willst, so ist es ihm gesagt worden. Ich habe dir schon längst gesagt, dass du tragisch vorhersehbar bist. Du hast dich angekündigt, bist hingegangen und zurückgekehrt. Dann begann, wieder vorhersehbar, deine Inszenierung für das Volk.

In deiner Ohnmacht, so erbärmlich wie du bist, hast du sogar zugestimmt, einen neuen Vertrag über den bereits bestehenden Vertrag zu unterschreiben, das Unhaltbare zu versprechen, als wüssten sie nicht, dass das nicht möglich ist und nicht möglich sein wird.

Und da bist du gestern, kündigst Hunger an, Rettungswagen, die die Patienten nicht mehr holen können, kündigst eine Tragödie an …

Und es gibt kein Geld.

Deshalb nimmst du dich jetzt zusammen. Und ich weiß, dass du, wenn du dich endlich zusammennimmst, dich komplett annullierst13.

Es bleibt die Frage: Wer hat dir deinen Schneemann kaputtgemacht?

Erinnerst du dich an jenen Schneemann aus Davos, den du den Kindern Serbiens zugedacht hattest, deinen wahnsinnigen Versuch, mit den „weißen Altären“ zu spielen.

Und siehe da, zwei Jahre später, wer hat alle Telefone abgeschaltet, die niemals deine waren, und wer hat dich auf ein Ćaciland der 011- und 021-Zugezogenen14 reduziert?

Sag mir, wo du einen Fehler gemacht hast?

Sogar Draganče15, aus Gnade „Đilas“ genannt, hat die Botschaft aus „Mutter eines getöteten Sohnes16“ erkannt und ist eilends nach Podgorica17 gelaufen. Und siehe da, er begriff, dass er dort angekommen war, wo es ihn nicht mehr gibt. Während er in einem Lokal saß, widerfuhr ihm ein schlichtes „Na, ich würde ja, aber im Moment habe ich keine Zeit“. „Der Mobilfunkteilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“ ist jetzt nur noch eine Textzeile entfernt von „Der Mobilfunkteilnehmer ist nie wieder erreichbar“. Aber lassen wir Dragan bei seinen Lieblichkeiten. Vielleicht kommt er ja noch zur Besinnung und stellt sich sogar vor.

Nicht zum Vergleich der Akteure, sondern zum Vergleich des Nichtwissens werde ich euch erzählen, wie es zu einem der drei Fehler kam, die Slobodan Milošević zum Verhängnis wurden. Es war zu der Zeit, als Milošević auf der Suche nach jenem eigenen Fehler war, der zu seinem Verschwinden führen würde. Vor einer internationalen Konferenz auf Kreta im Jahr 1997 ließ Milošević sich nämlich in Bezug auf das Besuchsprogramm und seine vorgesehene Rede von dem Ingenieur beraten. Von allem, was er zu sagen beabsichtigte, sagte ihm der Ingenieur, das Einzige, was er auf keinen Fall aussprechen dürfe, sei „Balkan den Balkanvölkern“, nicht weil es so sein oder nicht sein sollte, sondern weil die Zeit dafür nicht reif war und weil Milošević ohnehin nicht begriff, was eine derart formulierte Aussage in Wirklichkeit bedeutete. Milošević hörte nicht auf ihn. Als ein soeben etablierter „Prinz des Balkans“ glaubte er an den Balkan auf der Landkarte Europas und an sich selbst auf den Seiten der öffentlichen Geschichte. Als er zurückkam, sagte der Ingenieur zu ihm: „Du hast an meiner Stelle gewählt! Du wirst die Konsequenzen tragen.“ Dieser Fehler von Milošević öffnete den Tragödien der Jahre 1998 und 1999 und der Kapitulation von Kumanovо die Tür. Und wieder war es so, dass das Abkommen von Kumanovo, so erzwungen es auch war, Serbien eben doch eine Art Souveränität bewahrte, einzig weil der Ingenieur und die Seinen sich dafür eingesetzt hatten. Wäre das nicht der Fall gewesen, stünde Serbien unter vollständiger militärischer Besatzung. In der zweiten Dekade nach dem Abkommen von Kumanovo18 wurde alles, was von der Souveränität Serbiens noch übrig war, von dem Selbsternannten verraten, verkauft und preisgegeben.

Darum, du hast an meiner Stelle gewählt. Du wirst die Konsequenzen tragen.

Um das Beispiel fortzuführen, war ein anderer, einer von den unzähligen anderen aus diesem gottverlassenen Kaff, der das Wort in der Welt der Worte nicht begriffen hatte, Dušan Mihajlović.19 Auserwählt, den „6. Oktober“ zu verhindern, entschied er sich auch noch dafür, einen Fehler zu begehen. Öffentlich. Er sagte den Satz „Wenn wir wissen wollen, wer Đinđić umgebracht hat, müssen wir die Botschafter der USA und Großbritanniens fragen“. Der Ingenieur versetzte ihn nicht auf den Berg Povlen, sondern in die Povlen-Nebel20, damit er dort umherirrt, solange er lebt. Er war gnädig.

Auch er hat anstelle eines anderen gewählt.

Dort, wo alles verzeichnet wird, sind all deine wirren Aussagen verzeichnet, samt einem Gesetz, von dem du nichts wusstest.

Das ist das Gesetz der Welt, über die du herrschen wolltest, und es lautet – um jeden Preis!

Und wir haben gesehen, „wie ein Narr Wurzeln schlägt“, und sofort haben wir „seine Wohnstatt verflucht21“.

So lernte die Welt den Unfähigen kennen, und das Volk erkannte den Feigling. Und „ein Feigling ist am schlimmsten, wenn er in der Klemme steckt“. Du bist jetzt schon ein Gesicht ohne Gesicht. Mit all deinen Narrativen, vom „Augenausstechen mit Löffeln22“ bis zu einem Regenschirm, der sich in ein Scharfschützengewehr verwandelt und wieder zurück, kann das alles nur noch eine weitere Posse sein, aber es kann auch ernst werden. Im Augenblick kann sich all das ins Wirkliche verkehren. Und eine Verwandlung kann natürlich sein, aber sie kann auch durch kontrollierte Prozesse ausgelöst werden. Was meinst du, welche ist deine?

Alles kann so vollkommen wirken, bis all das geschehen ist, was sich nicht länger ignorieren lässt. Du hängst an der unteren Seite des Fadens und bist nicht derjenige, der daran zieht, sondern derjenige, an dem gezogen wird. Und bei einer Marionette, deren Fäden der Teufel zieht, hat Gott keinen Wunsch, helfend einzugreifen. Er respektiert die Wahl. In einer anderen Zeit hättest auch du das wissen können, so aber hat der Unsagbare dich an deiner Stimme erkannt. Jetzt kannst du wissen, wohin dich deine Lügen geführt haben. Das, wovor du dich fürchtest, kommt jetzt auf dich zu. „Nicht aus dem Staub geht Unheil hervor, Mühsal sprosst nicht aus der Erde. Doch der Mensch ist zur Mühsal geboren, wie der Funkenwirbel, der aus dem Feuer fliegt.“

Darum seufzt du jetzt „wie ein Knecht, der sich nach dem Schatten sehnt, und wie ein Tagelöhner, der auf seinen Lohn harrt23“.

Darum sagst du nun, wenn du dich niederlegst: „Werde ich wieder aufstehen?24

Darum „stößt du jetzt am hellen Tag an wie im Dunkeln und tappst am Mittag wie in der Nacht.25

Darum redest du so, darum wendest du dich so an das Volk.

Und da du so unbußfertig bist, bleibt uns nichts anderes übrig, als dich „in die Hand deines Frevels zu übergeben“. Denn du bist böse, und „jene sind Feinde des Lichts und wissen nichts von Gottes Wegen; sie bleiben auch nicht auf seinem Pfad26“, denn „die Finsternis gilt ihnen als Morgen, mit ihrem Schrecken sind sie wohlvertraut“ (Hiob 24,17).

„Zu mir hat sich ein Wort gestohlen, mein Ohr vernahm davon ein Flüstern. Im Grübeln und bei Nachtgesichten, wenn tiefer Schlaf die Menschen überfällt, kam Furcht und Zittern über mich und ließ erschaudern alle meine Glieder. Ein Geist schwebt an meinem Gesicht vorüber, die Haare meines Leibes sträuben sich. Er steht, ich kann sein Aussehen nicht erkennen, eine Gestalt nur vor meinen Augen, ich höre eine Stimme flüstern: ›Ist wohl ein Mensch vor Gott gerecht, ein Mann vor seinem Schöpfer rein? Selbst seinen Dienern traut er nicht, zeiht seine Engel noch des Irrtums. Wie erst jene, die in Lehmhäusern wohnen, die auf den Staub gegründet sind; leichter als eine Motte zerdrückt man sie. Vom Morgen bis zum Abend werden sie zerschlagen, für immer gehen sie zugrunde, unbeachtet. Wird nicht das Zelt über ihnen abgebrochen, sodass sie sterben ohne Weisheit?‹“27

Du spielst mit Konten und Gold und mit der Macht über deinesgleichen, und wir befassen uns jetzt mit der neunten Konfiguration. Da mag mein Wissen vielleicht meine Waffe sein, aber der Glaube ist mein Schild. Deshalb wurde die Idee, die sich in meinem Bewusstsein formte, so leicht zur Wahrheit.

Und da du so gern redest, frage ich dich:

„Wem hast du diese Worte gesagt, und wessen Worte sind aus dir hervorgegangen?28

Jetzt werde ich dir sagen, wen du verraten hast.

„Vor Ihm erzittern die Schatten der Toten tief unter den Wassern und ihren Bewohnern. Das Grab ist nackt vor Ihm, kein Schleier bedeckt den Abgrund. Er spannt den Norden über der Leere aus, hängt die Erde über dem Nichts auf. Er sammelt die Wasser in Seinen Wolken, und doch zerreißen sie nicht unter ihrer Last. Er versperrt den Anblick Seines Thrones und breitet Sein Gewölk davor aus. Über der Fläche des Wassers hat Er eine Grenze gezogen, dort, wo das Licht endet und die Finsternis beginnt. Die Säulen des Himmels wanken und erstarren, wenn Er sie bedroht. Durch Seine Kraft erregt Er das Meer, durch Seine Einsicht zerschmettert Er das Ungeheuer. Durch Seinen Hauch wird der Himmel klar, Seine Hand durchbohrt die flüchtige Schlange. Und doch sind das nur Andeutungen Seines Tuns; wir vernehmen nur ein leises Wispern von Ihm. Wer könnte den Donner Seiner Macht begreifen?“29

Und deine „Visionen“, all diese Lügen von dir …

„Seht doch, ihr alle hattet Visionen. Warum führt ihr dann nichtige Reden? Das ist des Frevlers Anteil bei Gott, das Erbe der Gewalttätigen, das sie vom Allmächtigen empfangen.“30

„Im Reichtum wird er sich niederlegen, doch er wird ihn nicht ernten; wenn er seine Augen öffnet, ist nichts mehr da. Schrecken werden ihn wie eine Wasserflut überfallen. Bei Nacht wird ihn ein Sturmwind packen und davontragen. Ein Ostwind wird ihn ergreifen, und er wird gehen; er weht ihn von seiner Stätte hinweg.“31

Jetzt muss es so sein.

Die sanftmütigen Menschen werden dich und die Deinen auffordern, das geraubte Geld ins Land zurückzubringen, ich aber werde dich schicken, damit du uns die toten Studenten zurückbringst.

Und jetzt solltest du froh sein, denn „Gott verschiebt die Zeit nicht, wenn ein Mensch vor Ihn zum Gericht tritt.‘“

Wenn Er Erleichterung bringt, wer kann Ihn dann verurteilen?

Wenn Er Sein Antlitz abwendet, wer vermag Ihn dann zu erblicken?

Wird dir Gott für all das Vergeltung gewähren, so wie du es dir vorstellst, obwohl du Seine Urteile verwirfst?

Das ist deine Wahl, nicht meine.

Sag, was du weißt.


  1. Amiens ist eine Stadt in Nordfrankreich. Sie ist Geburtsstadt Emmanuel Macrons. ↩︎
  2. „Emmanuel“ bezieht sich auf Emmanuel Macron, den Präsidenten der Französischen Republik. ↩︎
  3. Mit „Tiefem Staat jenseits des Meeres“ sind die anglo-amerikanischen Machtstrukturen gemeint, mit denen sich der Adressat angeblich gern arrangieren würde. ↩︎
  4. Anspielung auf bereits veröffentlichte Essays der Autorin, in denen das „Fraternisieren“ mit ausländischen Machtzentren ausführlicher beschrieben wird (z.B. in den Essays „Du hast auf das Volk geschossen … konec“ und „Was redest du da für eine Scheiße, Bole?“). ↩︎
  5. Samarobriva war der römische Name der heutigen Stadt Amiens. ↩︎
  6. „Selbsternannter“ spielt polemisch auf den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić an, der sich im Text als jemand darstellt, der sich eine Rolle anmaßt, die ihm weder verfassungsrechtlich noch moralisch zusteht. ↩︎
  7. Emmanuel Macron besuchte das jesuitische Lycée La Providence in Amiens; im Text wird daraus die Figur eines „Jesuitenschülers“ mit strenger innerer Schule des Zorns. ↩︎
  8. „Loi Macron“ („Macron-Gesetz“) bezeichnet das Gesetz für Wachstum, Aktivität und gleiche wirtschaftliche Chancen von 2015, eine umstrittene wirtschaftsliberale Reform zur Deregulierung der französischen Wirtschaft. ↩︎
  9. Anspielung auf Vučićs Aussage von 2016, als er auf die Frage, warum er Hillary Clintons Wahlkampf finanziert habe, antwortete: „Weil ich klug bin!“ („Zato što sam pametan!“). Die Bemerkung wurde in Serbien sprichwörtlich. ↩︎
  10. Im serbischen Originaltext wird mit einem Reim auf die Wörter „rešenje“ (Lösung) und „krštenje“ (Taufe) gespielt; die Wortwahl in der Übersetzung erinnert daran, ohne den Reim wörtlich wiederzugeben. ↩︎
  11. „Quartale“ ist hier ein polemischer Ausdruck für bestimmte kriminelle Geschäfte von hohem materiellem Wert, die mit Teilen des Staatsapparates verflochten sind. Näheres dazu im bereits veröffentlichten Essay „Das Quartal, die Mafia-Machenschaften und das Traktat unter den Karotten“. ↩︎
  12. NIS (Naftna Industrija Srbije) ist der staatliche Öl- und Gaskonzern Serbiens. Ein Teil wurde an Gazprom Neft verkauft; die Privatisierung gilt als symbolischer Verlust nationaler Vermögenswerte. Aktuell versucht die politische Führung, die russischen Anteile unter dem Druck westlicher Sanktionen weiterzuverkaufen. ↩︎
  13. Doppeldeutig: „(sich) zusammennehmen“ – sich fassen und Bilanz ziehen. „komplett annullieren“: Endstand im Minus – psychisch wie existenziell. ↩︎
  14. Ćaciland“ (serbisch „Ćacilend“) ist ein Spottname, entstanden aus einem falsch geschriebenen Graffiti, in dem das Wort „đaci“ (Schüler) zu „ćaci“ verunstaltet wurde. Der Ausdruck wurde während der Studentenproteste zum Meme. „011“ ist die Telefonvorwahl für Belgrad, „021“ für Novi Sad; im Text stehen sie für politisch „zugezogene“ Parteikader aus diesen Regionen. ↩︎
  15. „Draganče“ ist eine verkleinernde, ironische Form des Vornamens Dragan und bezieht sich auf Dragan Đilas, serbischen Unternehmer, Medienmanager und Politiker, Vorsitzender der Partei der Freiheit und Gerechtigkeit (SSP) und ehemaliger Bürgermeister von Belgrad (2008–2013). ↩︎
  16. „Mutter eines getöteten Sohnes“ ist ein früherer Essay der Autorin; im vorliegenden Text wird auf dessen moralische und politische Botschaft Bezug genommen. ↩︎
  17. Podgorica ist die Hauptstadt von Montenegro. ↩︎
  18. Das Militärtechnische Abkommen von Kumanovo (9. Juni 1999) wurde nach den NATO-Luftangriffen auf Jugoslawien zwischen KFOR/NATO und der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) geschlossen. Es beendete den Kosovo-Krieg und legte den Rückzug der jugoslawischen Truppen sowie die Stationierung der KFOR im sogenannten Kosovo fest. ↩︎
  19. Dušan Mihajlović war serbischer Innenminister. Im Text wird er als Beispiel für eine politische Fehlkalkulation genannt – seine öffentliche Aussage über die Rolle westlicher Dienste beim Attentat auf Zoran Đinđić gilt als verhängnisvoller Fehler. ↩︎
  20. Povlen ist ein Berg in Westserbien. „In die Povlen-Nebel versetzt zu werden“ ist hier ein Bild für politisches Verschwinden und Vergessenwerden. ↩︎
  21. Vgl. Ijob 5,3 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  22. „Augenausstechen mit Löffeln“ (serbisch „vađenje očiju kašikama“) war ein berüchtigter, gewaltverherrlichender Slogan der Serbischen Radikalen Partei (SRS), geführt von Vojislav Šešelj. Aleksandar Vučić war ihr Generalsekretär und einer ihrer wichtigsten Kader. ↩︎
  23. Vgl. Ijob 7,2 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  24. Vgl. Ijob 7,4 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  25. Vgl. Ijob 5,14 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  26. Vgl. Ijob 24,13 und 24,17 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  27. Vgl. Ijob 4,12–21 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  28. Vgl. Ijob 26,4 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  29. Vgl. Ijob 26,5–14 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  30. Vgl. Ijob 27,12–13 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎
  31. Vgl. Ijob 27,19–21 (sinngemäß nach der Einheitsübersetzung). ↩︎

Die biblischen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dem Buch Ijob (Hiob) entnommen und sinngemäß nach der Einheitsübersetzung wiedergegeben.